Theres Essmann

Wurde 1967 in Nordwalde (Münsterland) geboren, lebt und arbeitet in Stuttgart und Köln. Sie studierte Germanistik und Philosophie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Arbeitet seit vielen Jahren als Führungskraft in einem Kölner Unternehmen, das unter anderem die Sprache der Wirtschaft und Medien analysiert.
In ihrem anderen Leben ist sie freie Autorin und liebt die Freiheit der poetischen Sprache und die Kraft des Erzählens.
Theres Essmann schreibt Lyrik und Prosa. 2018 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. „Federico Temperini” ist ihr Erzähldebüt.
2019 beendete sie ihre Ausbildung zur Poesie- und Bibliotherapeutin im Integrativen Verfahren an der Europäischen Akademie EAG/FPI. Sie bietet Werkstätten und Beratung zu kreativem Schreiben und Biografiearbeit an.

Schriftsteller leben zwei Mal.
Natalie Goldberg

5 Fragen an die Autorin

Worum geht es im Buch?

Die Novelle erzählt die Geschichte einer Annäherung. Zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: dem Kölner Taxisfahrer Jürgen Krause und dem mysteriösen alten Herrn Federico Temperini, der Krause als Chauffeur anheuert.

 

Im Klappentext heißt es: Und dann ist da noch Niccolò Paganini, der sozusagen mit den beiden im Taxi sitzt. Ist es also die Geschichte dreier Männer?

Temperini zeigt sich besessen vom ehemaligen Teufelsgeiger Paganini und dessen grandioser Virtuosität. Aber keine Sorge. Man muss sich mit Paganini nicht auskennen, um der Geschichte zu folgen. Dem Leser geht es möglicherweise wie dem Ich-Erzähler Krause: Er versteht nicht alles, was der alte Herr über Paganini erzählt, aber er fängt Feuer, weil es ein unglaubliches Leben war, das Paganini da Anfang des 19. Jahrhunderts geführt hat. Er gilt nicht umsonst als erster Megastar der Musikgeschichte. Mythenbildung inklusive.

 

Was verbindet einen Kölner Taxifahrer mit einem alten Herrn, der sich alle paar Wochen zur Philharmonie und ins Konzert fahren lässt?

Krause und Temperini sind beide auf ihre Art einsam und gefangen in der Vergangenheit. Beide haben eine narzisstische Kränkung hinter sich, mit der sie nicht klar kommen. Bei Krause ist das von Anfang ziemlich klar: Er hat seine Ehe schon vor vielen Jahren an die Wand gefahren und lebt seitdem in der Angst, die Liebe seines Sohnes Leo an dessen Stiefvater Ulrich zu verlieren. Bei Temperini ist das schwieriger. Er gibt sein Geheimnis nur scheibchenweise preis. Und nutzt dabei Paganini und seine Grandiosität als Projektionsfläche, weil er sich schwer tut mit der persönlichen Mitteilung.

 

Krauses Vater hat als kleinwüchsiger Chauffeur Stars durch Köln gefahren, Krauses Sohn Leo macht es als Kind mit dem Wachsen auch spannend. Temperini ist ein großer hagerer Mann und sonnt sich in Paganinis Grandiosität. Ist Größe ein zentrales Motiv der Novelle?

Ja. Weil es ein zentrales Motiv unseres menschlichen Daseins ist. Vor einiger Zeit war ich einmal in einem Konzert, in dem ein Geiger die totale Paganini-Show abgezogen hat, das Publikum hing ihm sozusagen an den Fingern, – der Typ spielte nicht nur wie Paganini, sondern er sah auch aus wie Paganini. Damals kam mir die Idee zum Buch. Jeder ringt ja irgendwie damit, zu einem stabilen und tragfähigen Gefühl über sich und seinen Wert zu kommen, braucht dazu den bewundernden und letztlich liebenden Blick des anderen. Und manche brauchen ihn eben mehr, unter Künstlern findet man das häufig, es ist nie genug, bis hin zur Obsession. Deren Kehrseite bekanntlich ja häufig eine narzisstische Kränkung oder Bedürftigkeit ist.

 

Also geht es letztlich um die Verletzlichkeit unseres Egos?

Krause fällt schon beim ersten Treffen auf, dass Temperini eine komische linke Hand hat, er hält sie starr und gekrümmt, irgendetwas ist mit den Fingern. Die Novelle kreist in immer kleiner werdenden Suchbewegungen um dieses Motiv der Verletzung, Verstümmelung, Krause und mit ihm der Leser bekommen Temperinis Geheimnis lange nur an den Rändern zu fassen. Bis zum tragisch-komischen Showdown, in dem es doch eine Antwort gibt, zumindest eine auf die Frage, was den Menschen wahrhaft groß macht: seine Menschlichkeit.